Was ich sage, was ich meine, was er hört, was er sagt, was er meint, was ich höre und wie wir einander (nicht) verstehen

Superdad, Kackmom, Tag 1

Unf***ingfassbar – jetzt kenn ich den schon seit zig Jahren und wir reden noch immer aneinander vorbei. Und wenn ich lang genug zuhöre, kann ich mich nur wundern, wie weit das was ich meine und das was er hört voneinander entfernt liegen – und auch umgekehrt. Dabei kenn ich doch das Vier-Ohrenmodell von Schulz von Thun und auch den Ansatz der Personenzentrierten Gesprächsführung nach Rogers hab ich mir gemerkt. Eigentlich jedenfalls.

Doch von Anfang an. Mein Mann, vor einer Woche Bandscheiben-OP, 4 Wochen Krankenstand. Um zu genesen darf er alles – in Maßen – außer heben und zur Arbeit gehen. Das heißt er ist mit ziemlich viel übriger Zeit daheim. Und ich? Ich nehme jetzt noch genau einen Anlauf, mein Coaching-Talking-Workshop-Webinar-Business so richtig zum Laufen zu bringen – „Whatever it takes“-mäßig, dieses Halbherzige, nicht so meins und die Erfolgsaussichten naja. Da kommt mir ein Mann mit Arbeitsverbot nicht ganz ungelegen. Traurig genug, dass das vorher nie so richtig machbar war. Aber jetzt.

Ich also heut Mittag zu ihm: Hey, wär’s ok für dich, wenn du sämtliche Kinderangelegenheiten für die Zeit in der du nicht arbeiten kannst übernimmst? Dann kann ich mich auf die Arbeit konzentrieren. Er: Ich muss auf mich schauen. Ich: Hä? Er: Ja, auf meine Gesundheit. Ich – augenrollend – könnt ihn für diese Antwort schon das erste mal erwürgen. Oh wow, das klingt schriftlich dann doch härter als in Gedanken, ich schwör! Ich also: Natürlich! Du darfst nix hochheben. Sie sind 5,5 und 10,5 Jahre alt, die muss man nicht mehr tragen oder so. Im Gegenteil, sie können dir beim Tragen helfen… Er: Ja, ich muss schauen, ich mach was ich kann.

Meine Gedanken sagen: WTF – meine Stimme sagt: Eh logisch, jede/r macht was sie/er kann. Irgendwie ist das doch das Maximum. Wie sollte man auch mehr machen als man kann? Er: Bah, du wieder. Reden wir später. Ich: Ja, kannst du die Kids übernehmen oder nicht? Er: So gut ich halt kann. Ich verzweifle innerlich: Ok reden wir später. Great.

Also ich hab da eine Hintertüre rausgehört. „So gut ich halt kann“ – für mich jetzt schon ein Hinweis darauf, dass er nicht mal plant, sich der Kinderverantwortung ganz anzunehmen. Und ich? Ich brauch das. Wenn’s hinhaut, gut, wenn nicht, dann hab ich’s karrieretchnisch tatsächlich einfach nicht drauf oder mich auf das Falsche konzentriert, was auch immer! So oder so – ich muss es wissen. Für mich! Ich hab da so ein Gefühl. Mehr als ein Gefühl, ich geh kaputt, wenn ich das jetzt nicht endlich mach! Mich ganz und gar auf mich als mein Business konzentrieren.

Ich komm also heim und will noch mal darüber reden, so eilig, dass ich die Wörter schon gar nicht mehr einzeln rauskrieg, sondern in megaspeed – alle auf einmal. Er in einer Ruuuuhe: Ich verräume jetzt erst mal die Einkaufssachen. Bah, menno, ist das Absicht? Scheinbar nicht! Ich helf, ratzfatz, rein in die Schubladen, in den Kühlschrank. Erledigt. Jetzt aber! Ja? Ja! Ja? Ja. Gut. Jetzt lässt er nochn Kaffee raus, ich hol mir in Energydrink, als ob ich nicht eh schon rumspick wie ein Eichhörnchen auf Speed.

Gleiche Konversation. Ich: Blabla, übernimmst du blablabla? Er: Blabla, so gut ich kann. Ich wieder: Eh, was denn auch sonst um Himmels willen? Er: Ja, so gut ich kann. Ich: Meine Güte, ich brauche ein „Ja, mega Idee, hau rein, ich krieg das schon hin. Jetzt zeig mal was du drauf hast“ Natürlich bitte nix heben oder sonstwas, das dir schadet. Wenn du jetzt Zeit hast, wär’s dir möglich, sie zu wecken und dafür zu sorgen, dass sie pünktlich losgehen, weil Schule und so. Dann könnt ich – so wie du seit 10 Jahren – aufstehen und mich direkt an die Arbeit machen. Sagt er: Ja, klar, sag ich doch! >>Wait what???<< Auf gar keinen Fall hat er das gesagt. Nicht mal amsatzweise hab ich das ruasgehört! Er wieder: So gut ich halt kann. Ich geb auf, geh in mein Homeoffice aka Ex-Bügelzimmer. Er legt sich ein bisschen hin, er soll nicht zu viel stehen, zu viel sitzen, zu viel gehen. Ich versteh, dass das nicht ohne ist. Nutzt nix, lässt mir doch keine Ruhe, ich geh wieder runter, gücksel ums Eck und halte meine Rede von wegen, ich möchte mich auf die Arbeit konzentrieren und ich wär dankbar, wenn ich das jetzt – eh für einen kurzen Zeitraum – voll und ganz machen kann. Dann orgnasieren wir uns weiter. Er: Ja klar, also für mich war das sowieso klar, dass ich jetzt die Zeit für die Kinder nutzen kann.

Ich versteh die Welt nicht mehr: Das wär die Antwort gewesen, die uns eine Menge Stress erspart hätte. Er: Allein, dass du mich darum gebeten hast, als wäre das nicht selbstverständlich, find ich schon voll daneben. Als wäre ich zu bescheuert, mich um unsere Kinder zu kümmern. Oh, ok. Das mein ich ganz und gar nicht. Ich dacht, du magst nicht und willst dich drücken. Ähm, ja, schön, dass wir uns einig sind. Und, shit, blöd, dass ich mich bei meiner Freundin schon über meinen Mann und seine – jetzt bitte in Nachäff-Tonlage weiterlesen „So gut ich halt kann“-Attitüde ausgelassen hab. Shit, shit, shit. Jetzt muss ich das klarstellen. Ich ruf sie an, erzähl dass er also doch kein Dagegentuer ist, sondern wohl grad alles so läuft wie ich mir, er sich und wir uns das vorgestellt haben.

Und der Rest vom Tag? Fast zu gut. Er hat’s geschafft, dass sich die Kleine nun doch einmal das Sommertraining ihrer Eiskunstlaufgruppe ansieht und mitmacht und sich mit der Mama der Nachbarskinder über Bring- und Abholzeiten ausgetauscht. Das Zeug hab ich hergerichtet, mit Bandscheibe in Heilung möchte ich auch nicht unbedingt in der Schuhkiste nach Turnschuhen wühlen. Rein hypothetische Frage: Wer würd das für mich übernehmen? Halb so wild, ich bin ja ganz und auch da. Und zudem macht’s mir nix aus. Die Zeit für Organisation und Bringen und Abholen und irgendwo anmelden, irgendwelche Waldtage im Blick haben, den Großen pünktlich zum Training losschicken usw. Das möcht ich mir sparen und das scheint zu funktionieren. Also mal für Tag 1. Morgen Nachmittag geht’s dann schon das erste Mal nicht. Meine Freundin hat Geburtstag – ich geh mit den Kids zu ihr. Ist ja auch meine beste Freundin und nicht seine. Obwohl – wie witzig wär’s, wenn ein Papa an seinem Geburtstag andere Papas mit Kids zum Playdate einlädt? Na gut, es wär eigentlich überhaupt nicht witzig, es kommt halt (fast?) nie vor. Egal: Tag 1 geschafft, der halbe jedenfalls. Mir ist das ja erst zu Mittag in den Sinn gekommen.

Mein „Ich nehme mit“ des heutigen Tages: Wenn sich etwas unrund anfühlt, nochmal das Gespräch suchen. Und nochmal und nochmal. Zusammenfassen, nachfragen, ob man’s eh richtig verstanden hat. Wir brauchten heut 3 Anläufe um zu merken, dass wir „ja eh vom selben ausgegangen sind“. Ich weiß: Klingt komisch, issaberso.

Experiment „Platzwechsel“ oder „Superdad, Kackmom“ gestartet. Tag 1 geschafft. The End.

Veröffentlicht von Nadine

Nadine hat 2 Kids, 1 Mann, 1 Zuhause. Sie ist Mentaltrainerin und liebt es, eine Meinung zu haben und darüber zu schreiben. Sie ist unperfekt, eine Vollchaotin und manchmal eine KackMom. Mit ihrem offenen Umgang mit ihrem Nicht-Perfekt-Sein möchte sie anderen Mamas sagen: Nobody is perfect, auch Mamas nicht. Du bist okay und wundervoll!

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