„Zum Glück gibt‘s noch Frauen, denen die Kinder wichtiger sind als der Job“, sagt er und mir fällt die Kinnlade runter.

Ende 2020 und „Zum Glück gibt’s noch Frauen, denen die Kinder wichtiger sind als der Job“ bringt mich noch immer aus der Fassung. Sieht halt keiner – also das mit dem entsetzt entglittenen Mund, ohne dass da Wörter rauskommen, schließlich tragen wir MNS-Masken. Eine kleine Sitzung – gleich viel Frauen wie Männer und während wir über Kinderbetreuung, den geplanten Ausbau von Bildungs- und Betreuungsplätzen sprechen, kommen Wortmeldungen wie „zum Glück gibt‘s noch Frauen, denen die Kinder wichtiger sind als der Job“ oder „Jaja, wir brauchen mehr Kleinkindbetreuung, weil der Staat will, dass Frauen arbeiten“. Was mich dabei am meisten ankotzt? Nicht was, sondern wer: Ich. Ich mich. Ich hab das nicht kommen sehen und hock jetzt wortlos da und sag nix. Stumm wie n Fisch. Dabei ist das doch mein Thema, ich weiß da doch so viele Antworten. Die nutzen halt allesamt nix, wenn ich grad null Zugriff drauf hab, weil mir grad die notwendigen kognitiven Fähigkeiten abhanden gekommen sind. Aber hey, des Nächtens, haha, da hab ich die besten Antworten in meinen nachgestellten Gesprächen. Da gewinne ich jedes Argument und hey, wer braucht schon Schlaf?

Zurück zu meiner „stummer Fisch“-Reaktion. Ich dachte einfach so, wir reden über den Ausbau der Kleinkindbetreuung, um da auch weiterhin ein tolles Angebot zu sichern. Und dass wir über die Entwicklungen an den Schulen sprechen, die Sinnhaftigkeit von digitalen Tafeln und dem dafür notwendigen Konzept und nicht darüber, ob es auch wirklich allen Herren passt, dass Frauen mit Kindern arbeiten. Ähnlich wie Männer mit Kindern, die arbeiten, nur halt Frauen mit Kindern, ach, ihr wisst schon. Ich ging davon aus, diese Diskussion läge in der Vergangenheit. Falls ich die Gesichter bzw. die Augen der Anwesenden richtig gelesen habe, scheint übrigens der Großteil der Frauen und Männer im Saal von derselben Annahme auszugehen wie ich. Wir sind hier zusammengekommen, um die Entwicklungen bisher und die Pläne für die nahe Zukunft zu besprechen.

Zurück zu „zum Glück gibt’s Frauen, denen die Kinder noch wichtiger sind als der Job“. Also was ich gesagt habe war ja: Nix, nijet, nada. Derweil explodieren grad alle möglichen Millionen von Antworten gleichzeitig in meinem Hirn. Ich bin mir sicher, meine Augen haben’s gezeigt. Starker Auftritt, Nadine, ganz stark. Notiz an mich: Sei vorbereitet! Du kannst nicht davon ausgehen, dass alle denselben Wissensstand und obendrein noch dieselbe Meinung haben. So, ich sortier dann mal diese Stimmen im Kopf. Ich hab ja so ein Gefühl, ich brauch die ausformulierten Gedanken später bestimmt nochmal.

  • Ich unterstelle allen Mamas und Papas, dass ihnen das Kind wichtiger ist als der Job. Ansonsten würde es ja bedeuten, arbeitenden Vätern wäre der Job wichtiger als das eigene Kind. Glaub ich nicht.
  • Bah hey, echt jetzt? Wie unsensibel muss man durch’s Leben gehen, um sowas überhaupt von sich zu geben? (Danke my simple mind, Notiz an mich: Nicht geeignet, laut auszusprechen)
  • Wie? Wie? Wie? Wie hat das eine überhaupt etwas mit dem anderen zu tun? Das ist wie, „Wenn du mich wirklich liebtest, würdest du gern Knoblauch essen“ (Ok, wo kommt das denn jetzt her? Oh aus dem Buch, das ich letztens gelesen habe, vor ca. 20 Jahren. Danke, Paul Watzlawick für den einprägsamen Titel.)
  • Frauen sind auch Menschen. Menschen mögendürfensollen über sich selbst bestimmen, selbst entscheiden, ob und wie sie sich selbst finanziell supporten und wie sie später mal vor Altersarmut geschützt sind.
  • Jeder Mensch hat das Recht auf Arbeit. Remember: Auch Frauen sind Menschen. Auch die Frauen mit Kindern.
  • Wie kommt man eigentlich auf die Idee, dass ich als Mama das Beste und das einzig Gute für meine Kinder bin? 24/7! Das ist absurd. Würd ich das von mir selbst behaupten, wie anmaßend wär’s bitte? Ich mag für meine Kinder mehr als „nur“ mich, den ganzen Tag, jeden Tag.

Zum Ende der Sitzung sagt jemand noch schnell und völlig zusammenhanglos, wie dankbar er ist, dass seine Frau sich dazu entschieden hat, bei den Kindern daheim zu bleiben. Und wieder verliert die Kinnlande jeglichen Halt, sie fällt mir fast auf den Tisch, dieses Mal lässt auch das restliche Gesicht keinerlei Zweifel über mein innerliches Verzweifeln. Ich seh übrigens noch weitere entsetzte Gesichter im Raum.

  • Kinder brauchen Kinder, Kinder lernen von Kindern, sagt übrigens der älteste Herr im Saal, hat also nix mit dem Alter zu tun. Danke dafür.
  • Im Raum sitzen gleich viel Frauen wie Männer, eine Frau mehr sogar und es kommt keinem in den Sinn, wie beleidigend und abwertend das uns gegenüber ist. Könnte ja sein, dass eine oder mehrere von uns es wagen, einer Arbeit nachzugehen. Oder es kommt einem in den Sinn und es wird ganz bewusst ausgesprochen um mitzuteilen was derjenige von Menschen, von Frauen wie mir, hält oder von Kleinkindbetreuung: Nix nämlich. Ich weiß nicht, was die Beweggründe sind.
  • Erinnert mich irgendwie ans Klatschen für Pflegekräfte. Liab, jo. Wie reagiert man auf sowas? Danke fürn Dank?
  • Und again: Reden wir 2020 immer noch darüber, ob Frauen arbeiten könnendürfensollen? Reden wir doch mal darüber, ob Männer arbeiten sollen, sobald ein Kind da ist. Wieso nicht? Kinder sind toll, sollte sich niemand entgehen lassen und gleichzeitig auch niemandem allein 24/7 auferlegt werden. Wenn man sich das nur ein bisschen besser aufteilen könnte. Stimmt, könnte man ja. Equal Pay würde das noch erleichtern. Flexible Kinderbetreuungsangebote auch.

Gott sei Dank, der Vorsitzende beendet die Sitzung. Ein spannender Aspekt auf den mich eine junge Mama noch bringt: Kleinkindbetreuungsplätze sind für berufstätige Mütter und Väter reserviert. Die junge Frau ist daheim bei den Kindern. Heißt, wenn sie ihre Kinder oder eins davon ein paar Stunden betreuen lassen möchte, muss sie sich an eine private Kinderbetreuung wenden. Das ist teurer. Sie sagt sinngemäß: Jetzt hab ich mich dazu entschieden, bei den Kindern zu sein, hab also weniger Geld zur Verfügung, muss aber mehr bezahlen, wenn ich auch möchte, dass eins meiner Kinder zu anderen Kindern in die Betreuung darf. Stimmt eigentlich. Wieso sollte das größere Kind nicht zu gleichen Konditionen die Möglichkeit kriegen, ein paar Stunden mit Gleichaltrigen spielen zu können? Also wie wir’s drehen und wenden, so ganz freie Wahlmöglichkeit haben wir noch nicht erreicht. Gettin‘ there? Oh, ich hoff’s, weiß aber: Von selbst passiert nix. Wie auch, aus Versehen? So, huch, schau an, hat die Frau – jetzt Mama – voll dieselben Chancen wie der Mann – jetzt Papa. Ganz von selbst, ohne Wollen, ohne Kämpfen, ohne Fight for your right und so. Einfach so. Ja, frau wird ja wohl noch träumen dürfen.

Habt n schönen Tag und bitte lasst den Menschen – ja, auch den Frauen – ihre Freiheit, selbst zu entscheiden wie sie ihr (Familien-)Leben gestalten. Bittedanke. Love you.

Veröffentlicht von Nadine

Nadine hat 2 Kids, 1 Mann, 1 Zuhause. Sie ist Mentaltrainerin und liebt es, eine Meinung zu haben und darüber zu schreiben. Sie ist unperfekt, eine Vollchaotin und manchmal eine KackMom. Mit ihrem offenen Umgang mit ihrem Nicht-Perfekt-Sein möchte sie anderen Mamas sagen: Nobody is perfect, auch Mamas nicht. Du bist okay und wundervoll!

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